Mit der zunehmenden Verbreitung von KI, Deepfakes und automatisierten Angriffen steht die digitale Welt vor einer grundlegenden Herausforderung: Wie lässt sich künftig noch zuverlässig feststellen, ob eine Aktion tatsächlich von einem autorisierten Menschen ausgeführt wurde – und nicht von einem Bot oder manipulierten System? Denn viele der heute eingesetzten Sicherheitsmechanismen greifen zu kurz. Sie überprüfen einzelne Faktoren wie Passwörter, Geräte, biometrische Merkmale oder Standortdaten, können aber die entscheidende Frage nicht beantworten: War ein echter Mensch im richtigen Kontext physisch präsent und bewusst Auslöser dieser Handlung? Genau hier setzt das Stuttgarter Startup CyberSafe24 an. Mit dem Anspruch, eine neue Vertrauensebene für digitale Systeme zu schaffen, arbeitet das Team daran, reale Anwesenheit, Kontext und digitale Interaktion intelligenter miteinander zu verknüpfen – und damit Vertrauen im KI-Zeitalter neu zu denken. Wir haben die beiden Gründer Kai Nöbel und Atacan Atasay zum Interview getroffen.
Was macht euer Startup – in einem Satz?
CyberSafe24 entwickelt eine patentangemeldete Vertrauensinfrastruktur für das KI-Zeitalter, mit der digitale Systeme physische Präsenz, echten Kontext und vertrauenswürdige menschliche Interaktion besser verifizieren können – ohne Biometrie und ohne Spezialhardware.
Was unterscheidet euch von bestehenden Lösungen?
Viele bestehende Lösungen verlassen sich auf einzelne Signale: GPS, Login, Geräte-ID, Gesichtserkennung, QR-Code oder SMS-OTP. Diese Signale können jedoch manipuliert, kopiert, weitergegeben oder durch KI-basierte Angriffe zunehmend umgangen werden. Unser Ansatz ist anders: Wir betrachten Vertrauen nicht eindimensional, sondern mehrschichtig. CyberSafe24 kombiniert verschiedene kontextbezogene Signale und bewertet sie im Zusammenspiel. Dadurch entsteht kein simples Ja/Nein-Signal, sondern ein robusteres Vertrauensmodell für digitale Präsenz.
Ein weiterer entscheidender Unterschied ist unser biometriefreier Ansatz. Wir wollen physische Präsenz verifizierbarer machen, ohne auf Iris-Scans, Gesichtsdaten oder andere sensible biometrische Merkmale angewiesen zu sein. Gerade in Europa ist das ein großer Vorteil, weil Datenschutz, AI Act und regulatorische Anforderungen immer wichtiger werden.
Wer ist eure Zielgruppe?
Unsere Zielgruppe sind Unternehmen und Plattformen, bei denen digitale Vertrauenswürdigkeit geschäftskritisch ist. Dazu gehören insbesondere regulierte Finanzdienstleister, KYC- und Identitätsanbieter, Enterprise-Security-Lösungen, Plattformbetreiber, Anbieter digitaler Wallets, Versicherungen, Behörden, kritische Infrastrukturen und perspektivisch auch Systeme im Bereich Agentic AI. Überall dort, wo hochriskante digitale Aktionen abgesichert werden müssen, wird die Frage relevant: Ist hier wirklich ein autorisierter Mensch im richtigen Kontext beteiligt – oder nur ein technisch erzeugter Zugriff?
Langfristig sehen wir CyberSafe24 nicht als einzelnes Endkundenprodukt, sondern als Infrastruktur-Layer, der über SDKs oder APIs in bestehende Systeme integriert werden kann.

Wie kam es zur Gründungsidee?
Die Idee ist aus der praktischen Arbeit an digitalen Präsenz- und Interaktionssystemen entstanden. Je stärker wir uns mit realer Anwesenheit, digitalen Communities, KI und Sicherheitsfragen beschäftigt haben, desto klarer wurde: Das Internet hat ein strukturelles Vertrauensproblem. Digitale Systeme können heute sehr viel messen, aber sie können oft nicht zuverlässig bewerten, ob eine Interaktion wirklich mit einem echten Menschen, einem echten Kontext und einer realen Präsenz verbunden ist.
Mit dem Aufkommen von Deepfakes, KI-Agenten und automatisierten Angriffen wird genau diese Lücke immer gefährlicher. Und aus dieser Erkenntnis entstand der Kern von CyberSafe24: Wir wollen nicht einfach ein weiteres Login-Verfahren bauen, sondern eine neues Vertrauenslayer entwickeln – also eine Infrastruktur, die digitale Aktionen nicht nur technisch ausführt, sondern besser absichern und einordnen kann.
Was war euer „Aha-Moment“?
Die Erkenntnis, dass viele Sicherheitssysteme eigentlich die falsche Frage beantworten. Sie fragen: Hat jemand das Passwort? Hat jemand Zugriff auf das Gerät? Passt das Gesicht? Wurde ein Code eingegeben? Aber die wichtigere Frage der Zukunft lautet: War ein echter Mensch physisch präsent und bewusst an dieser Aktion beteiligt? Diese Frage wird im KI-Zeitalter extrem relevant. Wenn Stimmen, Gesichter, Texte, Profile und sogar ganze Kommunikationsmuster künstlich erzeugt werden können, reicht klassische Authentifizierung nicht mehr aus
Wo steht ihr aktuell?
Aktuell befinden wir uns in einer frühen, aber strategisch sehr spannenden Phase. Die Patentanmeldung ist eingereicht, die technologische Positionierung ist ausgearbeitet und wir sprechen mit potenziellen Partner*innen, Pilotkund*innen und Investor*innen.
Der nächste Schritt ist, aus der geschützten technologischen Grundlage konkrete Pilotanwendungen abzuleiten. Wir sehen CyberSafe24 nicht als kurzfristiges Feature, sondern als mögliche Basistechnologie für eine neue Kategorie: Trust Infrastructure für das KI-Zeitalter.
Was war euer bisher größter Meilenstein?
Ganz klar die Patentanmeldung. Für uns war das entscheidend, weil wir damit nicht nur über eine Idee sprechen, sondern über einen konkreten technologischen Ansatz mit strategischem Schutzpotenzial.
Ein weiterer Meilenstein war die Schärfung der Positionierung: Weg von einem einzelnen Anwendungsfall, hin zu einer größeren Infrastrukturfrage. Es geht nicht nur um eine Branche, sondern um ein Grundproblem der kommenden digitalen Welt: Wie entsteht Vertrauen, wenn KI immer mehr Interaktionen erzeugen oder imitieren kann?
Wo wollt ihr in 2–3 Jahren stehen?
In zwei bis drei Jahren wollen wir CyberSafe24 als relevanten europäischen Anbieter für digitale Vertrauensinfrastruktur positioniert haben. Unser Ziel ist es, erste Pilotprojekte mit starken Partnern umzusetzen, die Technologie als SDK/API-Layer in reale Systeme zu integrieren und eine klare Marktposition in Bereichen wie KYC, Enterprise Security, digitaler Identität und KI-Sicherheit aufzubauen.
Langfristig soll CyberSafe24 dort eingesetzt werden, wo digitale Aktionen besonders vertrauenswürdig sein müssen – etwa bei Finanztransaktionen, Identitätsprüfungen, sicherheitskritischen Freigaben oder KI-agentengesteuerten Prozessen.
Unsere Vision: Physische menschliche Präsenz soll im digitalen Raum technisch verifizierbarer werden, ohne die Privatsphäre der Nutzer unnötig zu gefährden.
Welche Unterstützung sucht ihr aktuell?
Wir suchen Unternehmen, die verstehen, dass Vertrauen im KI-Zeitalter nicht nur ein UX-Thema ist, sondern eine Infrastrukturfrage. Außerdem suchen wir Investoren, die früh in eine Technologie einsteigen möchten, die an der Schnittstelle von KI-Sicherheit, Regulierung, digitaler Identität und Cybersecurity liegt.
Für uns sind Netzwerke wie bwcon und die Startup Region Stuttgart deshalb extrem wertvoll, weil sie genau diese Verbindung aus Technologie, Unternehmertum, Industrie und Sichtbarkeit schaffen.
Und zum Schluss:
Euer Startup in drei Hashtags?
#TrustInfrastructure #AISecurity #MadeInStuttgart
Kaffee oder Club-Mate?
Kaffee, weil manche Ideen erst nach dem dritten Espresso wirklich wie Infrastruktur aussehen.
Was darf auf eurem Schreibtisch nie fehlen?
Ein Notizbuch für neue Ideen, ein Laptop für die Umsetzung – und der Anspruch, aus einem komplexen Problem eine klare Lösung zu bauen.






